Bei Soundways Halle handelt es sich um ein Projekt von Studierenden, im Rahmen eines Seminars mit dem Fokus auf Geräuschkulturen. Deswegen stehen am Ende eines solchen Projektes nicht nur ein Produkt im Sinne einer Karte und den einzelnen Aufnahmen, sondern auch einige Fragen und Überlegungen, die wir bereits bei Über uns angeschnitten haben.

Diese Beobachtungen und Reflektionen sind in erster Linie unsere persönlichen Auswertungen unserer Erfahrungen und der Aufnahmen. Andere Personen können auch notwendigerweise zu anderen Eindrücken beim Nachempfinden des Klangspazierganges gelangen. Wir empfehlen daher vor dem Lesen der Seiten einen Blick auf den Klangspaziergang selbst oder die einzelnen Stationen zu werfen!

Wie verändert sich die Klanglandschaft auf dem Weg in die Stadt?

Nicht nur die Klangquellen ändern sich entlang der Route mit dem Übergang von der Natur in die Stadt. Auch die Hörentfernung und akustische Raumgegebenheiten sind sehr unterschiedlich. Während wir in der Natur und am Stadtrand Klänge von deutlich weiter entfernten Quellen wahrnehmen können, sind durch die Bebauung und den Grundlärmpegel der Stadt Klänge präsenter, die nah an uns dran sind. Konstruktionen wie Häuserwände oder Brücken sorgen dafür, dass die Geräusche reflektiert werden und wir an manchen Stellen den Eindruck eines engeren Raumes bekommen, im Gegensatz zu der akustischen Weitläufigkeit eines offenen Feldes.

Wann eliminieren oder überlagern sich bestimmte Klänge?

Der Vergleich der Aufnahmen macht deutlich, wie unterschiedlich stark die verschiedenen Klangquellen sowohl die unmittelbare Klanglandschaft, als auch die der anderen Aufnahmeorte beeinflussen.

Wann sich bestimmte Klänge überlagern oder eliminieren, kann sehr unterschiedlich sein. So übertönt z. B. das Rauschen des Flusses in Aufnahme 5 die meisten anderen Geräuschquellen, ist jedoch an keinem anderen Aufnahmeort zu hören. Die Geräusche des Verkehrs sind hingegen in mehreren Aufnahmen als entferntes Hintergrundrauschen wahrzunehmen, treten jedoch nur bei den letzten vier Aufnahmeorten in den Vordergrund, was durch die wesentlich geringere Distanz zwischen den entsprechenden Klangquellen und den Mikrofonen zu erklären ist.

Generell lässt sich feststellen, dass Klangquellen mit wiederkehrendem oder zyklischem Charakter, wie z. B. Vogelgezwitscher oder Verkehrslärm, in großer Nähe zum Aufnahmeort stärker als individuelle, temporal und lokal gut voneinander abgrenzbare Ereignisse wahrgenommen werden. Befinden sich diese Klangquellen in größerer Distanz zum Aufnahmeort, tendieren sie eher dazu, zu einem homogeneren Klangteppich zu verschmelzen. Nachvollziehbar wird das bspw., wenn man die Aufnahmen der Orte 1 und 10 in Hinblick auf die Verkehrsgeräusche betrachtet: Während in Aufnahme 1 die Fahrzeuge als gelegentlich an- und abschwellendes Grundrauschen im Hintergrund wahrgenommen werden, sind die einzelnen Verkehrsmittel in Aufnahme 10 deutlich voneinander abgesetzt und zum Teil sogar identifizierbar (PKW, LKW, Motorrad etc.).

zu Aufnahmeort 5
zu Aufnahmeort 10

Wie beeinflusst der Lärm der Stadt den Lebensraum Stadtrand? Finden wir Konflikte?

Wie oben beschrieben, fällt hier besonders und erwartungsgemäß der Verkehrslärm auf, der mit zunehmender Nähe zur Stadt zunimmt. So ist in den früheren Aufnahmen von bspw. Aufnahme 2 bereits, obwohl der Aufnahmeort an dem visuell naturell-idyllisch anmutenden Ufer eines kleinen Sees liegt, deutlich ein generelles Verkehrsrauschen zu hören. Hier befinden wir uns eigentlich in einer Umgebung, welche als äußerer Stadtrand zu charakterisieren ist, und eher weniger mit dem Lärm einer Stadt assoziiert wird. Begeben wir uns weiter in die Stadt, so wird wie oben beschrieben auch das einzelne Fahrzeug wahrnehmbar und identifizierbar, bspw. die Fahrzeuge bereits in Aufnahme 8.

Es existieren auch Hintergrundgeräusche natürlichen Ursprungs, etwa das Rauschen von Blättern im Wind oder des Flusses in Aufnahme 6, die aber vor allem dann hörbar werden, wenn das klangerzeugende Ereignis in unmittelbarer Nähe der Aufnahme stattfindet. Diese Klänge werden jedoch sehr schnell überlagert, sobald menschlich erzeugte Geräusche auftreten, was sowohl an der Orientierung unseres menschlichen Ohres an individuellen Klangereignissen liegen kann, als auch an dem normalerweise breiteren Frequenzspektrum bei größerer Lautstärke, den bspw. Verkehrslärm im Vergleich zum Rauschen eines Flusses einnimmt.

Daraus ergibt sich für den Lebensraum Stadtrand ein deutliches Spannungsfeld zwischen visuell wahrnehmbarer, scheinbar naturnaher Umgebung und der tatsächlichen akustischen Realität. Der Stadtrand bildet so keinen klar abgegrenzten Lebensraum, sondern markiert einen Übergang, in dem menschlich erzeugte Geräusche kontinuierlich in eine vermeintlich natürliche Klanglandschaft eindringen. So bleiben Ruhe- und Lebensräume für Menschen und Tiere hier akustisch von der Stadt geprägt, obwohl sie weit außerhalb des innerstädtischen Bereiches liegen, und lassen die Grenze zwischen Stadt und umliegender Umgebung akustisch deutlich weniger trennscharf erscheinen, als das visuell der Fall ist.

zu Aufnahmeort 2
zu Aufnahmeort 6
zu Aufnahmeort 8

Welche vergleichbaren Projekte gibt es?

Sowohl für uns bei der Recherche zu diesem Projekt, als auch für andere, die noch weiter in die Welt von Online-Field-Recording, Sound Maps und ähnlichem einsteigen wollen, sind die folgenden anderen Projekte sicher interessant:

  • radio aporee: Eine der größten Sound Maps mit eigener Infrastruktur, und Field Recordings aus der ganzen Welt, die immer weiter von einer wachsenden Community mit Aufnahmen ausgestattet wird.

  • Cities and Memory: Ebenfalls eine der größten Sound Maps weltweit, gebaut auf eigener Infrastruktur eines britischen Unternehmens. Der Fokus dieser Karte bzw. des Projektes Cities and Memory liegt auf dem Herstellen eines neuen Hörerlebnisses und der ästhetischen Verarbeitung der Field Recordings, indem jedem Punkt auf der Karte sowohl das originale Field Recording, als auch ein Remix des Field Recordings beigelegt werden.

  • Audiomapa: Ein spanisches Projekt mit Unterstützung des Goethe-Instituts und des Hilfsfonds für Kultur- und Bildungsorganisation des Auswärtigen Amtes bietet auf dieser Webseite eine Karte mit Field Recordings und mehreren Möglichkeiten, sie anzuhören, bspw. auch mit der Möglichkeit von Klangreisen (viajes sonoros) in einem bestimmten Gebiet.

  • SP SoundMap: Eine Sound Map der Stadt São Paulo, mit dem Fokus auf einem Hörerlebnis an verschiedenen Punkten der Stadt, also mit einem sehr ähnlichen Fokus wie unser Projekt hier. Entstanden 2012 und umgesetzt ab 2022 von der Klangkünstlerin Renata Roman und der Produktionsfirma Brava.

  • ACA Soundscape Field Station: Eine Sound Map des französischen Künstlers Félix Blume, von der Canaveral National Seashore in Florida, USA. Auf der Karte werden bestimmten Orten Videoaufnahmen von Personen zugeordnet, in denen die Person selbst die aufgenommene Hörerfahrung macht. Das soll Besucher:innen der Website dazu animieren, gemeinsam mit der dargestellten Person zu hören und das Soundscape wahrzunehmen. Der erwähnte Künstler Félix Blume hat ebenfalls weitere Projekte, die Field Recordings mit Karten in Verbindung bringen (Le Sons Perdus, Les Voix de l’Eau, etc.)

  • Orelhinha: Eine Sound Map der brasilianischen Künstlerin Sara Lana, bei der Aufnahmen von Anrufen an öffentliche Telefone oder Telefonzellen dem Ort des Telefons auf einer Karte zugeordnet werden. Hier soll das Leben in einem Gebiet erfahrbar gemacht werden, wo es zum Zeitpunkt der Aufnahmen noch wenig Handynetzausbau gab. Der Fokus liegt bei diesem Projekt also deutlich weniger auf der Aufnahme einer bestimmten Klanglandschaft, sondern eher dem Austausch von Personen und dem Sichtbarmachen von bestimmten Lebensumständen in einer bestimmten Region.